dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird.
(Friedrich Nietzsche 1844 – 1900)
„Die Alten von Navarra" (© ’05)
In diesem Moment, als die meisten Menschen bereits mit dem Verplichtungen des Alltags abgeschlossen hatten und sich nach der Erholung der Nacht sehnten, öffneten sich – wie auf ein geheimes Kommando – fast gleichzeitig in dem Bergdorf Elizondo die Türen der Häuser, und die alten Männer des Dorfes traten heraus.
Ihre Hände tief in verbeulten Hosentaschen vergraben, schlurften sie, gequält von rheumatischen Gelenken und belastet von ihrem harten Dasein, in ausgetretenen Schuhen die von den Regenfällen der Jahrhunderte ausgewaschene Dorfstraße entlang.
Als Letzter bog ein Alter mit einer schlohweißen Haarmähne, die wild unter seiner Boina, der Kopfbedeckung der Basken, hervorlugte und zottelig über den Kragen seiner ausgetragenen Jacke fiel, um die Ecke eines verwitterten Hauses. Seine dick gequollenen Füße steckten in offenen Pantoffeln, da sie seit Wochen keinen Platz in seinen Schuhen mehr fanden. Ein widerspenstiges Schwein hinter sich herziehend, das sein baldiges Ende herannahen wähnte und sich mit allen Kräften zur Wehr setzte, humpelte er, so schnell seine gichtigen Gelenke und das um sein Leben kämpfende Borstenvieh dies zuließen, hinter seinen Freunden her. Hinter den geschlossenen Fenstern eines jeden Hauses verfolgten vor Hass glühende Augen die wunderliche Prozession.
Am Eingang des Dorfes, direkt am Ortsschild, versammelten sich die Männer zu einer schweigenden Gruppe. Obwohl ihre Lippen stumm blieben, unterhielten sie sich dennoch beredt miteinander, denn als Männer der Berge hatten sie schon zu frühester Jugend die Fähigkeit erlangt, sich nur durch Blicke und mit versteckten Gesten zu verständigen, um den Unbilden der Berge zu trotzen und auch um den verhassten Schergen Francos zu entkommen, vor denen sie viele Jahre auf der Flucht waren. Ihr unbezwingbarer Freiheitswille hatte sie zu einer verschworenen Gemeinschaft zusammengeschweißt. Als Freunde und Verschwörer waren sie gemeinsam alt geworden, und ihre unstillbare Sehnsucht nach einem freien Baskenland hatte sie gelehrt, die Gedanken der anderen zu lesen und sogar ungestellte Fragen zu beantworten, ohne viele Worte machen zu müssen.
Der Nachzügler mit dem Schwein an der Leine näherte sich gemächlich der wartenden Gruppe. Seine langen Haare flatterten im Abendwind. Er war der Kleinste von ihnen, denn dem Alter war letztendlich gelungen, was der lebenslange Freiheitskampf zu keiner Zeit geschafft hatte: Das Alter hatte ihm das Rückgrat gebeugt. Als wollten sie noch einmal wie in früheren Jahren ein Komplott schmieden, das aus ihrem Geheimbund nicht nach draußen dringen durfte, umringten die Männer das Schwein, neigten sich gemeinsam darüber, sodass nur noch ein Haufen schwarzer Kleidung sichtbar blieb. Ihre Hände zerrten das in Todesangst quiekende Vieh an den Vorderläufen in die Höhe und banden es mit letzter Kraft an das mannshohe Andreaskreuz, das sie bereits morgens am Straßenrand errichtet hatten.
Der alte Mann mit den weißen Haaren, der offensichtlich die Funktion ihres Anführers innehatte, trat umständlich einen Schritt nach vorn. Mit einer müden Handbewegung schob er sich seine Mütze aus der Stirn und zog ein langes scharfes Messer, dessen Schliff er schnell noch einmal mit dem Daumen überprüfte, aus der Jackentasche. Als er einen Blick auf seine Freunde warf, konnten sie in seinen wässrigen Augen für einen kaum wahrnehmbaren Augenblick die noch immer nicht restlos verlorene Kampfbereitschaft seiner Jugend aufflackern sehen, aber auch seinen ungestillten Hass auf die Spanier, den die anderen beifällig murmelnd mit ihm teilten. Schwerfällig beugte er sich nach vorn und durchtrennte dem Schwein mit einem einzigen, blitzartig ausgeführten, wohl gezielten Schnitt die Kehle. In einem dicken Schwall strömte das Blut auf die Straße und verwandelte den Asphalt in einen roten Teppich.
Dunkel glänzte der blutige Purpur des Blutes in der untergehenden Sonne Navarras. Schulter an Schulter stellten sich die Freunde an der Fahrbahn auf und starrten gedankenverloren in die Ferne.
Sie warteten auf ihn …
Auf ihre Weise wollten sie ihm einen Willkommensgruß darbieten, einen Gruß, der keine Zweifel aufkommen ließ, falls er sich der Mühe unterzog, sie zu verstehen, ein Gruß, der auch im fernen Madrid ankommen würde. Sie waren dabei, ihm ihren Blutzoll auf baskische Art zu entrichteten.
Da allein diese Straße durch den Ort führte, den er zu passieren hatte, würde er mit seinem Wagen durch das geronnene Blut fahren müssen, um zu seiner neuen Dienststelle zu gelangen … dem Stützpunkt der verhassten Guardia Civil in Maya de Baztan.
Leise brummend rollte der Wagen von Fernando Rodriguez auf dem grauen Asphalt der Autobahn gen Norden. Das monotone Geräusch des Motors hatte seine Begleiterin Julie, eine Deutsche, die er vor wenigen Wochen kennengelernt und überredet hatte, mit ihm in den Norden zu gehen, schläfrig gemacht. Sie kuschelte sich behaglich in den Beifahrersitz. Um sich zu beschäftigen und ihre Augen offen zu halten, zählte sie die vorbei huschenden Bäume, ohne Erfolg allerdings.
Bald würden sie Navarra erreichen, und Julie dachte mit klopfendem Herzen an die kommenden Monate und an das Dasein, auf das sie sich spontan und gierig auf Abenteuer eingelassen hatte, denn sie war pleite und wollte ein neues Leben beginnen. Die nächste Zeit, so dachte sie, würde sie in einer Kaserne inmitten der spanischen Militärpolizei leben, und sie hatte sich fest vorgenommen, diese Zeit zu nutzen, um in die Jahrhunderte alte Geschichte des Landes und seine dramatisch erregende Gegenwart einzutauchen. Sie war überzeugt, dass man ihr dort mit gebührendem Respekt begegnen würde, denn sie war schließlich die Frau an der Seite des Hauptmanns, eines Capitán der Guardia Civil.
Heute, an einem Montag im Frühjahr 2002, hatten Fernando und sie die Costa Brava und das Mittelmeer schon vor Stunden verlassen und fuhren nun über Saragossa und Teudela dem Atlantik entgegen. Die Digitalanzeige am Armaturenbrett zeigte inzwischen 16 Uhr. Unterwegs hatten sich die Farben der Natur verwandelt – das sonnenverbrannte Braun des Südens war nach und nach dem leuchtenden Grün des Nordens gewichen.
Stunden zuvor hatte sich ein kräftiges Gewitter entladen. Julie spürte durch das halb geöffnete Seitenfenster den abgekühlten Fahrtwind auf ihrer heißen Haut, und sie füllte ihre Lunge mit dem würzigen Duft regennasser Erde und erfrischter Natur. Die Route führte sie an dichten Wäldern mit kraftvollen Bäumen vorbei, an Bächen, Flüssen und Seen mit kristallklarem Wasser und an unendlich weiten Feldern aus saftigem Gras.
Obwohl sie die Grenzen Spaniens nicht überqueren würden, erwartete sie am Ziel ein fremdes Land. Ein Land mit einer eigenen Kultur, einer eigenen uralten Sprache und mystischen Geheimnissen, die weit in die Vergangenheit reichten. Spanier waren dort nur ungebetene Gäste – Fremde im eigenen Reich. Denn ihr Ziel lag im País Vasco, im Baskenland, dessen Bewohner mit allen Mitteln um politische Selbstständigkeit kämpften, auch mit den Methoden des Terrorismus.
Julie linste zu Fernando hinüber, und ein unwillkürliches Schmunzeln breitete sich in ihren Zügen aus. Seit Saragossa hatte er seine Sitzhaltung keinen Deut verändert. Den Sitz hatte er am hintersten Haltepunkt der Führungsschiene eingerastet, um seinen langen Beinen – er maß etwa 1,90 m – ein wenig Freiraum zu gewähren. Er hatte zwar für diese lange Fahrt auf seine Uniform verzichtet und diese gegen bequeme Freizeitkleidung eingetauscht, jedoch war es ihm nicht gelungen, mit dem Kleidungswechsel die steife Haltung eines Militärs abzulegen. Hoch aufgerichtet steuerte er den Wagen sicher und kontrolliert durch den Verkehr. Sie empfand grenzenloses Vertrauen zu ihm wie ein Kind im Arm seiner Mutter.
Julie drückte stöhnend ihre schmerzenden Knie durch und richtete sich auf. Viele unbeantwortete Fragen beschäftigten sie. Doch ignorierte Fernando ihre Neugierde gelassen, überhörte ihre bohrenden Fragen und lenkte ihre Aufmerksamkeit immer wieder auf die Straße oder die vorbei ziehende Landschaft.
Nachdem sie Pamplona passiert hatten, die Stadt, die weltweit bekannt ist durch das Spektakel an San Fermin, bei dem ausgewachsene Kampfstiere durch die Stadt getrieben werden, um mutige oder wahnsinnige – je noch Sichtweise – Hobbystierkämpfer zu jagen, ein Ereignis, über das Hemingway in einigen Romanen und Erzählungen berichtet hat, erklärte Fernando: „Wir müssen durch die Westpyrenäen bis zur französischen Grenze, Richtung Dantxarinea, fahren. Dieser westliche Teil der Pyrenäen erstreckt sich vom Tal des Iraki bis hin zum 1632 Meter hohen Somportpass und ist fest in baskischer Hand.“
Julie lauschte aufmerksam seinen Erklärungen, blickte aus dem Fenster und ließ sich verzaubern von der Landschaft, die sie durchfuhren. Sie hatte sich vorher ausführlich im Internet über ihr neues Zuhause informiert. Die Pyrenäen bilden eine 440 km lange und 130 km breite Nahtstelle zwischen Frankreich und Spanien. Einschließlich Andorra, dem Zwergstaat hoch oben in den Bergen, leben hier drei verschiedene Nationalitäten zusammen. Ein Drittel dieses Gebirges gehört zu Frankreich, zwei Drittel zu Spanien.
Nachdem eine lang gezogene Kurve sie durch ein dichtes Waldstück geführt hatte, tauchte urplötzlich das riesige Gebirge vor ihnen auf, dunkel, drohend, bizarr, scheinbar unüberwindlich, die Gipfel der Gebirgsriesen versteckt in düstergrauen Wolkenbergen. Julie beugte sich nach vorn, suchte den höchsten Punkt und bestaunte ehrfürchtig das Panorama, das sich vor ihren Augen auftürmte und ihr die Sprache verschlug. Unbewusst empfand sie für einen Moment eine verworrene Bedrohung, die für sie nicht greifbar war, aber auch eine demütige Bewunderung für die Schöpfung. Schnell wischte sie diese Gedanken weg und sank seufzend in ihren Sitz zurück. Die einzigen Berge, die sie bisher gesehen hatte, waren die Hügel ihrer Heimatstadt Hamburg und der näheren Umgebung dort gewesen. Der Weg führte sie weiter über Ventas de Arraitz, und nach Berroeta verließen sie die Schnellstrasse.
Sie bogen auf eine schmale einspurige Landstraße ein, die sie steil hinauf in die Berge führte. Immer enger und kurvenreicher wurde die Straße im weiteren Verlauf, und Julies Hände verkrampften sich fest in ihrem Sitz. Grandios breitete sich die Aussicht vor ihnen aus, doch Julies Augen schweiften immer wieder angestrengt und ängstlich auf das wenig Vertrauen erweckende Bankett der Straße.
Ein Schild zeigte die inzwischen erreichte Höhe an: 1096 Meter! Die großen Städte zu Beginn ihrer Reise waren längst kleineren Ortschaften gewichen. Bald waren es nur noch winzige Dörfer, an denen sie vorüberfuhren, und nachdem sie Irurita erreicht hatten, lagen nur noch ein paar alte Häuser verstreut am Straßenrand.
„Nur noch ein paar Minuten, dann haben wir unser Ziel erreicht“, kündigte Fernando an. Als Julie nicht antwortete, blinzelte er zu ihr hinüber und bemerkte ihren starr und furchtsam nach vorn gerichteten Blick. Lachend tätschelte er ihre verkrampfte Hand. Die angekündigten Minuten dehnten sich auf mehr als eine halbe Stunde aus, eine Ewigkeit, wie ihr schien. Schon längst hatte sie den Blick verloren für die einzigartig wilde Natur mit der berauschenden Sicht über die Berggipfel Navarras.
Julie wunderte sich, dass sie in den Dörfern keine Menschen oder irgendein Anzeichen menschlichen Lebens entdecken konnte. Zum ersten Mal in ihrem Leben befiel sie Höhenangst. Es kam ihr vor, als wenn die Abhänge neben ihr versuchten, sie in ihre tödliche Tiefe zu locken. Fernando fuhr äußerst langsam die Steigungen hinauf, doch Julie kam seine Fahrweise hier in den Bergen rasend schnell und bodenlos leichtsinnig vor. Die Straßen waren alt und in einem schlechten Zustand. Sie schienen vor hunderten von Jahren angelegt worden zu sein, zu einer Zeit, als sich die Menschheit noch auf Pferdekarren fortbewegte.
Endlich verringerte sich die Steigung und die Straße wurde wieder ein wenig breiter. Sie näherten sich dem Dorf Elizondo. Schon von weitem sahen sie das Schwein, das am Straßenrand an ein großes Kreuz genagelt worden war.
Als sie das Kreuz erreicht hatten, hielt Fernando den Wagen an und starrte auf das Blut. Einen derartig unmissverständlichen Empfang hatte er nicht erwartet, jedoch ließ er sich Julie gegenüber nichts anmerken, um sie nicht zu beunruhigen. Auch Julie betrachtet den roten Blutteppich auf dem Asphalt. Entgeistert rief sie aus: „Mein Gott, welche Todsünde kann das arme Tier nur begangen haben, dass die Menschen ihm ein so grausames Ende bereiteten?“
Fernando hielt Ausschau nach einem anderen Weg durch das Dorf. Vergeblich. Er versuchte, den Anblick, der sich ihnen bot, herunterzuspielen. „Ich denke, hier wird ein Schlachtfest, eine Martanza, stattfinden.“ Er kam Julies Frage zuvor und erklärte: „Einmal im Jahr treffen sich die Dorfbewohner, um ein paar ihrer Schweine zu schlachten.“Mit ekelverzerrtem Blick startete er den Wagen wieder und fuhr langsam durch die schmierige Lache. „Gewöhnlich fangen die Bauern das Blut auf, um Morcilla, diese würzige Blutwurst, daraus herzustellen.“
Der Capitán hatte die Botschaft verstanden und fragte sich verwundert, woher die Dorfbewohner über seine Ankunft so genau Bescheid wussten, eine Panne, der er sofort nach seiner Ankunft in Maya de Baztan nachzugehen gedachte. Er brach in ein gekünsteltes Gelächter aus, das bei Julie auf Unverständnis stieß. Er hatte ihr bisher noch nichts von den Gefahren erzählt, die sie im Baskenland erwarteten, und er hielt es für besser, auch jetzt nichts zu sagen. „Vielleicht ahnten sie ja, dass ich heute ankomme und haben mir einen roten Teppich zur Begrüßung ausgerollt“, erklärte er lakonisch mit einem gequälten Lächeln auf den Lippen.
Aus kalten Augen fixierte er die alten Männer, die am Straßenrand standen und ihn mit bewegungslosen Mienen musterten, Mienen, in denen nicht die geringste Andeutung eines Willkommengrußes zu erkennen war. Ein Weißhaariger, mit gebeugtem Rücken, hielt ein blutiges Messer in der Hand. Fernando winkte ihnen zu, doch niemand erwiderte seinen Gruß. Sie stiegen wieder in den Wagen und fuhren weiter. Im Rückspiegel beobachtet er gedankenvoll die Alten, bis sie sich in der Ferne verloren. Mit fest zusammengepressten Lippen konzentrierte er sich wieder auf die Fahrt. Er war froh, dass Julie die Geste nicht verstanden hatte. Julies Körper kämpfte vergebens gegen das flaue Gefühl in der Magengegend an, und auch Fernando wurde sich in diesem Moment bewusst, dass er sich nun in Feindesland befand und sein Leben ständigen Gefahren zu trotzen hatte.
Zudem wusste er nicht um die geheimnisvollen Mächte, die ihren weit reichenden Einfluss ausübten, weil er nicht an die Welt der Ahnen im Jenseits glaubte, die längst ihre Augen auf seine unrühmliche Vergangenheit, in der er nicht nur zahlreiche Frauen unter Ausnutzung seiner Funktion vergewaltigt, sondern auch manche der spanischen Regierung nicht genehme Zeitgenossen auf dem Gewissen hatte, geworfen hatten. Sie hatten bereits ihr Urteil über ihn gefällt.
Mit fest zusammengepressten Lippen konzentrierte er sich wieder auf die Fahrt. Er war froh, dass Julie die Geste nicht verstanden hatte. Julie kämpfte noch gegen das flaue Gefühl in der Magengegend an, als der Wagen auf eine Mine fuhr und in die Luft flog.
Als die Ambulanz am Unfallort eintraf, konnte sie nur noch den Tod des Capitán Rodriguez feststellen. Julie wurde aus dem explodierenden Wagen geschleudert und landete auf einem Strohballen, der dort zufällig lagerte. Den Ärzten gelang es, ihr Leben – wenn auch schwer und für immer gezeichnet – zu retten. Sie empfindet ihr Dasein heute als Sühne dafür, dass sie sich mit Fernando eingelassen hatte, nachdem Einzelheiten über seine Vergangenheit bekannt geworden waren, wenn sie auch offizielle in den Tisch gekehrt wurden.