L'inconnue mysterieuse (© ’08)


Fassungslos sitze ich auf einer Ruhebank im Museum meiner Heimatstadt in einem kleinen, unbeachteten Raum, der Werke wenig bekannter Maler des Impressionismus zeigt. Ich starre ungläubig auf das Gemälde vor mir, ein Kunstwerk, das mich bei meinem vorgestrigen Besuch auf den ersten Blick in seinen Bann gezogen hat, ähnlich wie man volkstümlich von der Liebe auf den ersten Blick spricht, und mich nicht mehr zur Ruhe kommen lässt. Um ihm erneut einen Besuch abzustatten, bin ich eigens heute hergekommen, sitze nun hier, ohne ergründen zu können, was sich um mich herum abspielt. Obwohl ich mich als Schriftsteller übersinnlichen Erscheinungen gegenüber durchaus zugänglich gebe, wollen sich die Worte in meinem Kopf nur schwerlich einfinden, um den ungewöhnlichen Vorgang zu beschreiben, der sich um das Gemälde rankt.
  Plötzlich verschwimmt die Umgebung um mich herum. Ein noch nie zuvor erlebtes Verlorensein vernebelt mein Gemüt und zieht mich in die düsteren Untiefen menschlicher Gefühlsabgründe …

Vor zwei Tagen hatte ich mich seit Jahren erstmals wieder zu einem Besuch des städtischen Museums aufgerafft, angelockt durch die in der Kunstszene viel beachtete Ausstellung von Werken bedeutender Impressionisten, zu der etliche Museen weltweit wertvolle Leihgaben geschickt hatten. Weil sich in den Räumen, in denen die Großen des Genres ausgestellt waren, die Besucher auf die Füße traten, sehnte ich mich nach längerem, ermüdendem Umherschweifen nach einem ruhigen Ort zu einer beschaulichen Reflexion. Bei meiner Suche stieß ich auf einen völlig leeren Raum, an dessen Wänden ein paar unsignierte Gemälde von Malern aufgehängt worden waren, die von Kunstexperten der französischen Schule zugeschrieben wurden. In einer Ecke dieses Raumes lockte mich mit einer rätselhaften Anziehungskraft ein Bild an, das laut Beschreibung den Titel „L’inconnue mysterieuse“ trug und mich ein wenig an ein Werk von Gustave Caillebotte erinnerte, auf das ich vor Jahren bei einem Museumsbesuch im Urlaub gestoßen war. Ich wunderte mich, dass mir auf Anhieb der Name dieses Malers in den Sinn kam, der wahrlich nicht oft genannt wird und dessen Werke nur selten zu sehen sind.
  Das Licht in dem Raum begünstigte das Betrachten dieses Gemäldes nicht gerade. Daher fand es bei den Besuchern offensichtlich keine nennenswerte Beachtung, vielleicht auch, weil es im Katalog nur mit einem nichtsagenden Satz Erwähnung fand.
  Da ich den übrigen Räumen bereits meine Aufwartung gemacht und mich durch die Besuchermassen gequält hatte, war ich froh, meine ermüdeten Beine ein wenig ausstrecken zu können. Meine Blicke schweiften derweil in aller Ruhe über das Bild vor mir: Ein weiblicher Akt im erhellten Fokus schummrigen Lichts, das durch ein Fenster auf die alterslose Schöne in das gemalte Zimmer hineinfiel. Die geheimnisvolle Unbekannte, die dem Gemälde den Titel zueignete, träumte weltentrückt mit offenen Augen auf einem roten Sofa liegend. Verheißungsvoll bot sich ihr fraulicher Körper dem Blicke des Betrachters dar. Ihr linker Arm lag lässig auf der Rücklehne des Sofas. Ihr Kopf, mit rotblonden, schulterlangen Haaren, ruhte auf einem Kissen. Volle Brüste mit kirschroten Knospen luden zum Liebkosen und Naschen ein. Mit ihrem rechten Arm bedeckte sie einen kleinen Teil ihres nackten Körpers, über den ein fadenscheiniges Seidentuch geworfen war, das jedoch kaum etwas von ihrer Schönheit verbergen konnte. Ihre Hand wehrte schamhaft allzu neugierige Blicke auf das krause Vlies ihres Venushügels ab. Ihr linkes Bein streckte sich bequem auf dem Sofa aus, während ihr rechtes angewinkelt auf dem Teppich vor der Liege fußte. Vor dem Sofa stand ein kleines Tischchen, auf dem sich drei Bücher stapelten, in denen sie vielleicht gelesen hatte oder dies zu tun beabsichtigte.
  Ich konzentrierte meine Sinne auf das unbekannte Geschöpf, und je länger ich die Schöne betrachtete, umso mehr stellte sich bei mir die Gewissheit ein, dass es an Harmonie zwischen ihrem Körper und ihrem Mienenspiel mangelte. Ihr Körper drückte Leidenschaft und Bereitwilligkeit aus, denn warum sonst sollte sie entkleidet in dieser Haltung auf dem Sofa verweilen? Ihre Miene jedoch und vor allem ihre Augen mit geheimnisvoll grünlich schimmernden Pupillen offenbarten eher das Gegenteil, deuteten auf Traurigkeit oder Melancholie hin.
  Was mag sie so unglücklich stimmen, fragte ich mich und ging in Gedanken denkbare Auflösungen durch. Hatte sie vielleicht ihren Geliebten verloren?
  Von einem Bild konnte ich indes kaum eine zufriedenstellende Antwort erwarten. Gemälde sprechen nicht, sie weisen hin, deuten an, verlangen nach Fantasie. So ließ ich denn die meinige spielen, um mir eine Geschichte – schließlich bin ich ein Schriftsteller – zusammenzureimen, die der Melancholie ihres Ausdrucks gerecht wurde. Nach geraumer Zeit schloss wohltuende Müdigkeit die Lider meiner von den Eindrücken ringsum überfrachteten Augen für einen kurzen Moment, aus dem mich ein Wärter aufweckte, um mir kundzutun, dass das Museum in wenigen Minuten schließe. Ich schrak hoch, nicht ohne einen letzten Blick auf die Schöne zu werfen. Doch da war etwas, das mich stutzen machte. Hatte sie nicht ihre Lage auf dem Sofa verändert? Ich schaute genauer hin. Träumte ich oder lag auf ihren Zügen mit einem Mal ein einladendes Lächeln? Wie angewurzelt stand ich vor dem Bild, konnte mich nicht von der Stelle rühren.
  Inzwischen wurde der Wärter ungeduldig und forderte mich mit grämlichem Unterton in seiner alten brüchigen Stimme auf: Mein Herr, wenn ich denn bitten dürfte.
  Sofort, antwortete ich ihm freundlich und versprach der Unbekannten auf dem Bild in gleichem Atemzug, am nächsten Tag meinen Besuch zu wiederholen, wobei – zu meinem Erstaunen und zu meiner Überraschung gleichermaßen – ein Hauch von gezierter Scham ihre Wangen rötete. Verwirrt machte ich mich auf den Heimweg.
   Daheim gelang es mir nicht, das Bild der Schönen, das sich mit starken Wurzeln in mein Gedächtnis eingepflanzt hatte, aus meinen Gedanken zu verbannen. Hatte ich geträumt, hatte meine Ermüdung mich getäuscht? Je länger ich resümierte, umso sicherer war ich, dass ich mich nicht getäuscht hatte, dass sie mir etwas mitteilen wollte. Was konnte das wohl sein? Schließlich fiel ich mit meinen Gedanken an die mysteriöse Unbekannte in einen unruhigen Schlaf, in dem mich Träume peinigten, die ich nicht zu deuten wusste.
  Am nächsten Morgen stellten sich die Erinnerungen wieder ein, schon bevor die Morgenmüdigkeit von mir restlos abgefallen war, auch die an mein Versprechen, ihr einen erneuten Besuch abzustatten. Nach dem Frühstück machte ich mich sogleich – mit diffusen Erwartungen – auf den Weg zu ihr. Wie am Tage zuvor hatte ich mich zuerst einmal in die Besucherschlange an der Kasse einzureihen. Als ich endlich das Gebäude betreten konnte, eilte ich auf direktem Wege in den Raum der unbekannten Maler, der sich, wie am Tage zuvor und zu meiner Freude, ohne weitere Besucher präsentierte. Nur der alte Wärter döste auf seinem Stuhl vor sich hin. Er war offensichtlich in seinem Leben schon von so vielen Gemälden umgeben gewesen, dass ihm der Sinn für die Schönheiten an den Museumswänden längst verloren gegangen war.
  Ich setzte mich auf die Besucherbank und nahm Blickkontakt mit der Unbekannten auf. Plötzlich – so jedenfalls erschien es mir – räkelte sie sich, streckte sich, wandte sich mir zu und sah mich verführerisch lächelnd an. Ihre gestrige Melancholie schien verflogen zu sein, und ihre Augen glänzten vor Freude, als sie meiner ansichtig wurde. Alsdann winkte sie mit der linken Hand und forderte mich auf näherzutreten. Völlig verdutzt und ungläubig sah ich mich um. Niemand außer dem Wärter, der seine Augen geschlossen hielt, und mir befand sich im Raum. Was ging hier vor? Begann ich, meinen Verstand zu verlieren?
  Fürchtest du dich vor mir? Warum sitzt du so unschlüssig da? Gefalle ich dir etwa nicht? Komm doch näher! Eine ausgesprochen erotische Altstimme sprach zu mir aus dem Gemälde. Meine Verblüffung wuchs an, als die Schöne sich aufrichtete, zur Seite rückte, um mir einen Platz auf dem Sofa anzubieten, und mich mit einer Handbewegung einlud, mich neben sie zu setzen.
  Wie ferngesteuert erhob ich mich. Nur allzu gern kam ich ihrem Anerbieten nach und nahm den angebotenen Platz neben ihr ein. Sie schmiegte sich in meinen offenen Arm, nicht ohne vorher ihre Blöße mit dem Seidentuch zu bedecken, soweit der Stoff dies ermöglichte, suchte den Blickkontakt zu mir und flüsterte mir zu: Endlich! Du bist der Mann, auf den ich seit meiner Schöpfung warten musste, so viele Jahre schon, die zu zählen ich längst aufgegeben habe.
Warum gerade ich, fragte ich völlig verwirrt und zugleich in tiefstem Herzen berührt, und das Blut wallte heiß durch meinem Körper, während ich zärtlich über ihre nackte Haut streichelte.
  Weil sie fühle, dass ich ihr Schicksal sei, begründete sie. Niemand hier oder auch sonstwo habe ihr je besondere Beachtung geschenkt, doch ich sei gekommen, habe sie angesehen, worauf sie mit allen Sinnen und jeder Faser ihres Körpers gespürt habe, dass die Vorsehung uns auserkoren habe, einen Teil unseres Weges gemeinsam zu gehen, auch wenn es nur für ein paar geschenkte Sekunden der unendlichen Ewigkeit sein würden.
Ähnliche Gefühle bemächtigten sich meiner, doch ich fragte zweifelnd, was sie da so sicher mache?
  Ob ich nicht dieses Gefühl kenne, entgegnete sie, wenn jemand lange auf etwas gewartet habe und plötzlich vor dem Ziel seiner Träume, seiner Hoffnungen stehe? Ob es mir nicht gegeben sei, um meine Sehnsüchte zu wissen und zu erkennen, wann ich ein Ziel endlich erreicht habe?
  Mir war dieses Gefühl alles andere als unbekannt, und ich bestätigte ihr, dass mir solche Empfindungen keinesfalls fremd seien. Sie rückte näher heran, unsere Lippen fanden sich, und unsere Körper verschmolzen in endlich erfüllten Fantasiebildern.
  Plötzlich ließ sich eine Lautsprecherstimme vernehmen, die das Ende der Besuchszeit im Museum ankündigte. Der alte Wärter wurde davon aufgeschreckt und erhob sich schwerfällig von seinem Stuhl. Er ließ seinen Blick durch den Raum gleiten, und seine trüben Augen blieben an dem Bild der schönen Unbekannten haften. Offenbar schien er nicht so recht zu glauben, was sich ihm erschloss. Wie war es möglich, dass die Schöne sich nicht mehr allein auf dem Gemälde befand, fragte er sich sicher. Zig Jahre habe ich meinen Dienst in dem Museum verrichtet, ohne dass jemals etwas Aufregendes passiert ist, murmelte er vor sich hin. Und nun das? Mit zusammengekniffenen Lidern stierte er erneut auf das Gemälde. Hält mich hier jemand zum Narren, rätselte er laut. Dann zog er einen Flachmann aus der Innentasche seiner ausgebeulten Uniformjacke und leerte ihn mit einem Schluck.
   Die Schöne indes flüsterte mir mit einem verschmitzten Schmunzeln zu, ich möge bitte leise sein, während der Alte zu sich selbst sprach: Ich sollte wohl den Direktor benachrichtigen, aber der wird denken, ich hätte einen Schluck zu viel getrunken … Nein, das kann auch bis morgen warten. Er verließ darauf den Raum und verschloss die Tür.
  Allein, endlich allein, mein Liebster, jubelte die Unbekannte, und wir fanden beseelt Eingang in eine Nacht, wie sie gewöhnlich nur Träume schenken. Über die glitzernde Milchstraße schwebten wir durch sternfunkelnde Sphären in die den Liebenden vorbehaltende Unendlichkeit.
  Am nächsten Morgen, als das Museum zum Leben erwachte, raunte mir die Unbekannte zu, dass es Zeit für mich sei aufzubrechen, bevor Besucher einträfen, und sie fügte hinzu, dass es uns als Geschöpfen der Sternennächte nur möglich sei, in unseren Träumen wirklich zu leben.
  Noch einmal küssten wir uns innig und voller Hingabe, doch ich bemerkte, wie mit jedem Kuss die Melancholie in ihren Zügen wieder von ihr Besitz ergriff. Beim Abschied versprach ich ihr, sie am nächsten Tag erneut zu besuchen.

Erregte Diskussionen erwecken mich aus meiner Fassungslosigkeit, der ich noch immer auf der Ruhebank im Museum meiner Heimatstadt in dem kleinen, unbeachteten Raum, in dem Werke wenig bekannter Maler des Impressionismus ausgestellt sind, sitze und ungläubig auf das Gemälde vor mir starre.
  All meine Sinne waren darauf ausgerichtet gewesen, die Schöne wiederzusehen, erneut ihre Hingabe zu erfahren. Doch Unbegreifliches spielt sich in dem Raum ab, und mir wird mit jeder Sekunde mehr bewusst, dass ich an die Grenzen dessen gestoßen bin, was mein Verstand mir zu dulden gestattet. Ich starre auf das Bild, das nun ein leeres Sofa zeigt, auf dem gestern noch die geheimnisvolle Unbekannte geschlummert hatte. Aufgeregt steht eine wild gestikulierende Gruppe um das Gemälde herum, und der Museumsdirektor disputiert mit einigen Kunstexperten den unvorstellbaren Vorgang, der sich in der vergangenen Nacht ereignet hat. Niemand der Anwesenden hat allerdings eine Erklärung dafür anzubieten, wie es der Unbekannten gelungen sein könnte, sich von ihrem Platz auf dem Gemälde zu entfernen. Ein ähnlicher Vorfall ist jedenfalls in der Kunstgeschichte bisher nicht bekannt geworden.
  Eine weitere Veränderung auf dem Gemälde ist der Gruppe in ihrer heillosen Verwirrung noch gar nicht aufgefallen, vielleicht konnte ich allein sie auch nur bemerken: Auf dem Tischchen vor dem Sofa liegt ein Brief, gerichtet an mich. In einer anmutigen Handschrift hinterließ das verschwundene Geschöpf mir folgende Nachricht:

Mein Geliebter,
  da ich dich endlich gefunden habe, hat sich mein Schicksal erfüllt. Ich werde auf Dich warten bis an das Ende aller Tage, und ich vertraue darauf, dass Du eines Tages den Weg zu mir finden wirst, wie es Dir bereits einmal gelungen ist.
Mit all meiner Liebe,
  Deine geheimnisvolle Unbekannte

L’inconnue mysterieuse? Geheimnisvolle Unbekannte. Erst jetzt wird mir in voller Tragweite bewusst, dass ich aus lauter überquellender Glückseligkeit, die mir aus heiterem Himmel widerfahren war, noch nicht einmal nach ihrem Namen gefragt hatte … Zurückblickend stellt sich mir die bange Frage: Werde ich je wieder derselbe sein können, der ich vor der Begegnung mir ihr war?