Alle Jahre wieder ... (© ’07)

Alle Jahre wieder stehe ich vor dem gleichen Problem, und ich mutmaße, der größte Teil meiner Leserschaft kann meine Nöte nachempfinden. Jahr für Jahr nagt dieses Problem an meinem Seelenfrieden, kostet mich wochenlang meinen wohl verdienten Schlaf. Doch dieses Jahr … dieses Jahr kann ich mich – bereits jetzt – mit stolzgeschwellter Brust und völlig entspannt in meinem Lesesessel zurücklehnen: Das Problem ist bereits vom Tisch, wo es sich – genau genommen – nie befunden hat!

Doch zum Thema: Obwohl seit zig Jahren eine Vereinbarung in meiner Familie besteht, dass an Weihnachten keine Geschenke ausgetauscht werden, von wegen „Wir haben doch alles, und wenn wir was brauchen, kaufen wir es eben“, werden alle Lieben bedacht, damit nur niemand hinterher ein dummes Gesicht machen und uns allen die Feiertage verderben kann.Dieses Jahr habe ich das Problem aller Probleme bereits gelöst, und friedvolle Ruhe ist in mir eingekehrt, zumindest bis nächstes Jahr Weihnachten, abgesehen von den zahlreichen übrigen Festlichkeiten, um die sich jedoch meine Liebste kümmert, die ich schließlich eigens und auch wegen solch sinnvoller Arbeitsteilungen geehelicht habe.
  „Warum ließ ich meine Familie eigentlich vor Jahren einen Meineid schwören, womit auch noch alle einverstanden waren?“, habe ich mich oft gefragt. Keine Geschenke mehr zu Weihnachten! hatten wir uns in die Hand geschworen, der unleugbaren Tatsache eingedenk, dass das Fest der Feste zu einem Zahltag für Wirtschaft und Handel verkommen ist, die mit vereinten Kräften nach unserer sauer verdienten Kohle grabschen. Gut, da gibt es zwar noch den Romantikaspekt, der an die Seelen rührt oder auch an die Herzen. Aber verlangt nicht die Weihnachtsgeschichte in einer aufgeklärten Zeit wie heute eine zu große Portion an Glauben? Was mich betrifft, ist mir dieser Glaube abhanden gekommen, als mir bewusst wurde, dass der Weihnachtsmann ein perfides Werkzeug in den Händen von Eltern darstellt, die mit ihm versuchen, ihre Blagen für ein paar Wochen zu ruhig zu stellen.
  Ich kann mich zwar nicht mehr genau erinnern, in welchem Jahr unser Familienentschluss gefasst wurde, umso besser jedoch an das damalige Ergebnis: In keinem Jahr waren die Geschenkpakete größer und wertvoller als im Jahr des Meineids. Inzwischen sind die Päckchen wieder eine Dimension geschrumpft, und so hat der Schwur seine Wirkung zumindest nicht vollkommen verfehlt. Die folgenden Jahre wurde jedes Familienmitglied argwöhnisch beäugt, je näher das nächste Weihnachtsfest heranrückte. Wird da vielleicht heimlich ein Geschenk in die Wohnung geschmuggelt, das sich danach unsichtbar macht und sich versteckt wie die Eier an Ostern? Wie groß war das Päckchen? Muss ich nun über eine mögliche Revanche nachgrübeln? Jedes Jahr das gleiche Dilemma! Warum tun wir uns das an?

Mit den Jahren bin ich schlauer geworden, so glaube ich zumindest gelegentlich. Jedes neue Jahr beginne ich nämlich mit dem besten aller guten Vorsätze, wofür sich der Anlass bekanntlich anbietet. „Fang früher mit den Einkaufen deiner Weihnachtsgeschenke an, am besten morgen schon, und nicht erst kurz vor dem Fest, am Heiligabend!“, nehme ich mir vor. „Verteile das schwierige Werk des Geschenke Sammelns übers ganze Jahr!“
  In meinem Computer habe ich eigens ein paar Dateien angelegt mit viel versprechenden Namen wie „Wunschzettel“. Warum diese Dateien kurz vor Weihnachten gewöhnlich über wenig brauchbare Informationen verfügen, muss wohl an den Computerabstürzen während des Jahres liegen, denn warum sollte ich sonst dort immer nur unbeschriebene Seiten vorfinden?
  Nun denn … Es vergehen gewöhnlich die ersten Wochen des Jahres, Monate auch. Weihnachten habe ich voll im Griff, denke ich, das heißt, ich denke eher überhaupt nicht an Weihnachten. Warum auch? Bis Weihnachten ist’s ja noch sooo lang hin!
  Doch nach den Sommerferien erscheinen bereits die ersten Fingerzeige: In den Geschäften sind bereits wieder Nikoläuse aus Schokolade käuflich zu erwerben. Schon siehst du in den Regalen Weihnachtsmänner, die zeitgemäß mit Hüften und Ärschen wackeln und amerikanische Weihnachtslieder krähen können, Unsitten die mitsamt der Quäkerspeise nach dem Krieg über Deutschland geschwappt sind.Auch in den Geschäftsstraßen latschen schon die ersten Exemplare dieser Spezies umher und schwitzen sich unter ihren Umhängen einen Herzinfarkt. Richtig mulmig wird die Lage, wenn mich meine alte Mutter anruft und mich fragt: „Junge, was wünschst du dir denn dieses Jahr zu Weihnachten?“, obwohl ich seit Jahren weiß, dass ich eine kleine Flasche Schinkenhäger bekommen werde, die für meinen Schwager bestimmt ist – mehr lässt ihre Rente nicht mehr zu –, weil sie meine Wünsche ständig mit denen meines Schwagers verwechselt. Selbiger erhält im Gegenzug meine Schachtel Mon Chérie. Jedenfalls plant sie genauso gerne wie rechtzeitig, zumal sie inzwischen das 98. Lebensjahr erreicht hat und ständig fürchtet, das nächste Fest nicht mehr zu erleben, was ich mir bei ihrer robusten Gesundheit aber nicht im Geringsten vorstellen kann. Nach solch einem Gespräch beschleicht mich jedoch immer ein merkwürdiges Gefühl. Weihnachten! Schon will man wissen, was ich mir dieses Mal wünsche. Ist es schon wieder so weit? Eigentlich habe ich nur den einen Wunsch: … dass Weihnachten gar nicht mehr stattfindet, wenigstens die nächsten Jahre nicht mehr, die ich noch zu erleben trachte.
  Noch drei Monate! Anfang Oktober: ich sammle Kataloge und Ideen. Langsam – und mit jedemTag mehr – wird es ernst! Neckermann, Quelle, Media¬Markt, den zu betreten ich mich jedoch wegen seiner saublöden Werbung weigere, und sonstige Anbieter von mehr oder weniger nutzlosem Zeugs bemühen sich um meine ungeteilte Aufmerksamkeit … und um mein Scheckheft. Tausend Angebote und Vorschläge im Internet werden mir außerdem wochenlang meinen Schlaf rauben: EspressoGeräte von führenden Designern, Radiowecker, die dich wecken, außer du stellst sie nicht an, und aller möglicher Schrott, den kein Schwein braucht, spuken durch meinen Kopf.
  „Zur Not wirst du immer noch was bekommen, Einfälle hattest du doch schließlich stets genug“, beruhige ich mich immer und immer wieder ...

Der Dezember meldet sich im Kalender an. Warum habe ich nur ausgerechnet in diesem Monat immer so viel zu tun? Eines Abends werde ich mich aufraffen und meine Frau so hintenherum wie nur möglich aushorchen, welche Kleinigkeit sie sich denn noch so zu Weihnachten wünsche. Vielleicht habe ich ja Glück, und sie gibt mir sogar eine Antwort. Im September hatte sie mal was durchblicken lassen, so ganz nebenher. Was war das noch? Verdammt, ich habe es vergessen und auch nicht in die Wunschliste eingetragen, oder ein Computerabsturz hat den Eintrag wieder gelöscht. Sie wird auf meine Anfrage recht schnippisch – und objektiv gesehen nicht völlig grundlos – entgegnen: „Ach, fällt dir mal wieder nichts ein?“
„Unverschämtheit!“ werde ich so leise wie möglich denken und ihr – wie aus einer Pistole geschossen – ins Gedächtnis rufen – und dabei so beleidigt wie möglich aus der Wäsche gucken: „Bisher ist mir immer noch was eingefallen, oder …?“
  Pause … Ich suche krampfhaft nach einer passenden Erklärung für meine Frage.
  „Ich will doch nur wissen, ob außer dem, was ich als liebevoller Gatte bereits ins Auge gefasst habe, vielleicht noch ein klitzekleiner Wunsch vorhanden ist“, werde ich unter Aufbietung all meiner schauspielerischen Talente, von denen mir nicht gerade wenige nachgesagt werden, mit der Überzeugungskraft eines Politikers verlauten lassen, und ich hoffe – wahrscheinlich vergeblich –, dass meine hinterlistige Frage bei ihr auf fruchtbaren Boden fällt, obwohl dieser Aphorismus leicht hinkt von wegen fruchtbarem Boden.
  „Brauche nichts“, wird sie kurz und bündig sagen, das Thema abrupt beenden und mich im Regen stehen lassen, selbst wenn es gar nicht regnet. Sie würde sich jedoch immer über eine liebe, kleine Überraschung freuen, bei anderen sei ich doch auch stets kreativ, wird sie noch mit einer Scheinheiligkeit anmerken, die jeder Heiligen gut zu Gesicht stünde. Schitt! Ein Fehler! Warum mache ich nur immer wieder dieselben Patzer?, frage ich mich, ohne eine Antwort zu erhalten. Der Druck steigert sich mit jedem Tag! Ich spüre ihn geradezu körperlich!
  Ich kaufe jetzt erstmal kleinere Dinge. Für entfernte Verwandte, danach die schon etwas schwierigeren, für meine Schwiegereltern beispielsweise. Für den Sohn und die Tochter sorgt meine Frau – das lässt sie sich nicht nehmen und irgendetwas kann sie zur Lösung der Probleme schließlich auch beitragen! Doch für meine Angetraute bleibe natürlich ich mit all meinen unentdeckten Begabungen allein zuständig, „Womit habe ich das alles nur verdient?“, maule ich. Nichts davon stand im Ehevertrag, und niemand hat mich seinerzeit vorgewarnt.
  Ich laufe durch die Geschäfte, auf der Suche nach Inspiration. Hab immer noch keine Spur von Idee. Mein Kopf – oder was da drin ist oder sein sollte – macht einfach nicht mit. Zudem werde ich ständig abgelenkt. Dauernd hängt mir meine Beste in den Ohren: „Wo willst du denn dieses Jahr den Weihnachtsbaum kaufen? … Und hast du mal nachgesehen, ob wir noch genügend Wein im Keller haben? Schließlich kommen meine Eltern, oder schon vergessen?“
  Als ob ihre Eltern Alkoholiker wären! Ich schaue meine Frau missbilligend … aber vorsichtshalber wortlos an.
  Und dann fragt sie noch reichlich heuchlerisch: „Hast du denn sonst schon alles?“
Nach dieser Frage werde ich sie ohne Vorwarnung an unseren Meineid erinnern, doch sie wird – wie immer bei Lebensfragen von Belang – ihre Ohren auf Durchzug gestellt haben.

Unschlüssig wie selten – so kam es mir jedenfalls vor – irrte ich dieses Jahr durch Läden und Geschäfte. Doch dann überfiel mich im wahrsten Sinne des Wortes eine Erleuchtung! Ich ging so – weder Böses, erst recht nichts Gutes ahnend – durch einen Baumarkt. Aus allen Lautsprechern säuselte es „Leise rieselt der Schnee“, obwohl draußen davon weder weit noch breit etwas zu sehen war, überall standen kitschig geschmückte Christbäume in den Ecken, da konnte ich mich gegen Eingebungen nicht mehr zur Wehr setzen. Ich schlenderte also an den Regalen längs, kam in die Werkzeugabteilung, mein Blick fiel – wie ferngesteuert – auf die Bohrmaschinen, und da kam’s mir. Ich meine natürlich die Idee!
  „Eine Schlagbohrmaschine schenke ich ihr! Das ist die Lösung schlechthin!“, enträtselte ich meinen spontanen Entschluss. Denn immer, wenn ich vor der Glotze sitze und die Siege von Schalke bejubeln will, kommt meine bessere Hälfte daher und will was gebohrt haben. Eine günstigere Zeit fällt ihr für solcherlei Obliegenheiten nie ein. Und unsere alte Bohrmaschine hat den Geist aufgegeben oder der Stecker von ihr oder was auch immer, und ich mache das dann immer mit der Hand, das Bohren meine ich, und nicht was niederträchtige Leser jetzt vielleicht denken könnten! Ich entschloss mich auf der Stelle: „Ich schenke ihr einfach eine neue elektrische Bohrmaschine, dann kann sie nächstens wieder selbst bohren, so viel, wie sie will, und auch wann sie will, zumal sie solche Tätigkeiten sowieso bedeutend besser beherrscht als ich, der ich eher fürs Organisieren geeignet bin.“ Einmal habe ich wegen dem Bohren sogar das Siegtor von Schalke verpasst! War ich sauer damals, hab’s ihr bis heute nicht verziehen.
  Ein richtiges Glücksgefühl übermannte mich plötzlich und erwärmte mein Herz, als die Idee in meinem Kopf eintraf und dortselbst Platz nahm, und ich kaufte schnell eine, bevor sie alle weg waren, wegen dem angeblichen Sonderangebot zu Weihnachten. Stolz fuhr ich mit dem Paket nach Hause und versteckte es im Keller.

Jetzt kann mir nicht mehr viel passieren, eigentlich gar nichts mehr. Doch zur Abrundung meiner Geschichte muss ich noch erzählen, was dann geschah:
  Vor ein paar Tagen beobachtete ich durchs Fenster, wie meine Beste sich mit einem riesig großen Paket unterm Arm unserem Haus näherte, umsichtig nach allen Seiten spähend, augenscheinlich, um sich zu vergewissern, dass die gesamte Wohnanlage der Größe des Paketes ansichtig wurde und darüber ihr Urteil fällen konnte. Selbiges steht nun ebenfalls und zudem unübersehbar im Keller, schön eingepackt in Weihnachtspapier mit Sternchen, lang und schmal, eine Seite glatt, an der anderen ist so was wie ein Gestell zu fühlen. Ich frage mich „Was ist das wohl?“ und finde keine andere Antwort als … Das kann nur ein Bügelbrett sein. Und ich frage mich weiter „Will meine Allerbeste mir dieses Gerät etwa zu Weihnachten schenken?“ Etwa mit einer hinterlistigen Überlegung wie: „Wenn er schon Fußball guckt, kann er wenigstens seine Buchsen dabei bügeln!“
  Also, wenn ich das könnte, könnte ich das vielleicht ja wirklich, aber: Ich kann es nicht, darauf hat mich das Leben nicht vorbereitet, und mit welcher Hand soll ich denn das Bügeleisen halten, wenn ich schon für meine Bierflasche die eine und für die Erdnüsse die andere benötige, was ja bekanntlich beim Fernsehen unverzichtbar ist?

Wenn dieses Geschenk wirklich für mich ist, wovon ich mittlerweile felsenfest überzeugt bin, dann bekommt meine Verehrteste im nächsten Jahr noch eine Schleifmaschine zu ihrer Ausrüstung. Erstens weil sie unglaublich gerne Möbel schleift, wenn sie selbige nicht gerade umstellt, und zweitens weil ich dann endlich mal bereits Anfang des Jahres das Weihnachtsproblem vom Hals und gelöst hätte, bevor es überhaupt entstanden ist.