SALE (Sprich: Saale!) (© ’07)
Ich bin’s leid. Ich kann das Wort nicht mehr sehen. Um meinen Frust abzulassen, sage ich diesem Wort den Kampf an, diesen vier Buchstaben, die überall Läden und Schaufenster verzieren. Neulich warf ich tapfer wie weiland Don Quichote meinen Fehdehandschuh hin und betrat ein Kaufhaus. Folgendes Szenario spielte sich daraufhin ab, eine Tragikomödie mit zwei Haupt- und zwei Nebendarstellern:
In der Abteilung für Herrenkonfektion eines Kaufhauses mit K, strebe ich (einer der Hauptdarsteller) auf einen Ständer zu, dessen Angebot laut seiner bunt bemalten Auszeichnung auf SALE hinweist, ein Kleidungsstück, das mir noch in meiner Kleidersammlung fehlt. Ich schleiche um den Ständer herum, befühle die verschiedenen SALES und linse suchend, um ein Opfer für mein boshaftes Vorhaben ausfindig zu machen, was in dem Kaufhaus mit K nicht immer, meistens gar nicht gelingt, weil sich die Gesuchten gewöhnlich auf irgendeiner mir unbekannten Tauchstation befinden. Schließlich fängt mich jedoch zu meiner Überraschung die schönste Verkäuferin ein, die das Kaufhaus aufzubieten hat, in einem weißen, fast durchsichtigen Top mit einem entzückend tiefen Dekolleté und einem dazu farblich abgestimmten schwarzen Spitzen-BH. Um ihre Hüften herum verbirgt sich kaum ihre Frühlingsrolle, genauso wenig wie ein bisschen Bauch und die Strippen ihres Strings, die verlockend oben aus ihrer halblangen Hose lugen. Sie ist nicht nur schön, sondern sie riecht auch vielseitig, besprüht sie sich doch allmorgendlich an verschiedenen Stellen aus verschiedenen Probeflaschen der Parfümerieabteilung des Kaufhauses mit K. Um ihrer Daseinsberechtigung Folge zu leisten, verwickelt sie mich in ein Verkaufsgespräch, das allenthalben mit einer durchaus intelligenten und immer wieder gern gestellten Frage eröffnet wird, die da lautet … Der Leser wird’s erahnen. Also:
Verkäuferin: „Guten Tag, kann ich etwas für Sie tun?“
(Die Verkäuferin konnte durchaus, aber noch ahnte sie nicht was.)
Ich: „Kommt drauf an …“
(Verkäuferin stutzt mich aus blauen Augen verständnislos, aber immerhin lächelnd an.)
Ich: „Was halten sie davon, bei mir daheim mein Arbeitszimmer aufzuräumen?“
(Verkäuferin stutzt aus blauen Augen noch verständnisloser, aber immer noch lächelnd, während ich nach einem Bügel mit einem oder einer SALE greife. Das Geschlecht dieses Wortes ist weithin, zumindest mir völlig unbekannt. Ich tippe mal auf männlich. Wer’s besser oder richtiger weiß, mag mich gerne korrigieren oder für immer schweigen.)
Verkäuferin: „Sie interessieren sich für …?“
Ich unterbreche sie: „Ja, ich interessiere mich in der Tat für einen SALE (Sprich: Saale!).“
Verkäuferin: „Sie meinen wohl SALE (Sprich: Sä-il mit scharfem S!)?“
Ich: „Wieso denn SALE (Sprich: Sä-il mit scharfem S!), wenn Sie auf die Schilder SALE (Sprich: Saale!) und nicht SALE (Sprich: Sä-il mit scharfem S!) schreiben?“
Verkäuferin (aufrichtig bemüht, ein Mindestmaß an Verständnis für mein Unverständnis aufzubringen, dieses auch zu zeigen und mich zudem mit einer gehörigen Dosis Sendungsbewusstsein aufzuklären): „Zum einen ist es nicht meine Aufgabe, unsere Schilder anzufertigen, dafür haben wir einen Dekorateur angestellt, zum anderen heißt das nun mal SALE (Sprich: Sä-il mit scharfem S!) und nicht wie Sie …“
(Die Verkäuferin spricht das Wort dieses Mal mit kokett spielender Zunge zwischen den Lippen aus, also mit einem viel zu scharfen S, worauf ich sie frecherdings vor die nächste Herausforderung stelle.)
Ich: „Das S spricht man aber nicht wie ein Ti-Ä-itsch aus.“
Verkäuferin: „Sie wollen mich wohl auf den Arm nehmen? Ich habe doch SALE (Sprich: Sä-il mit scharfem S!) gesagt und nicht ‚Ti-Ä-itsch‘.“
(Die Verkäuferin erweckt den Eindruck, zu wissen, was ein Ti-Ä-itsch ist.)
Ich: „Ich würde Sie schon gerne mal auf den Arm …“
(Ich verschlucke vorsichtshalber, was mir keck auf der Zunge liegt, denn in diesem Moment kommt Lotte, meine Frau, hinzu, die hier in einer der Nebenrollen auftritt. Damit will ich allerdings nicht sagen, dass sie für mich eine solche spielt. In Fällen wie diesen, bei denen ich mich auf dem Kriegspfad befinde, ist sie allerdings lieber mit mit 45 Jahre geschieden als verheiratet. Sie hatte sich ebenfalls an einem der SALE-Ständer umgesehen, war dort aber weder auf ein interessantes Angebot, noch weniger auf eine Verkäuferin gestoßen war, was in dem Kaufhaus mit K – wie schon erwähnt – meistens der Fall ist.)
Lotte (Sie wirft mir nun erwartungsgemäß einen strafendem Blick zu, mit dem sie mich zu beeindrucken versucht, jedoch vergeblich, wenn ich mich auf dem Kriegspfad befinde): „Lass diesen Blödsinn, bitte! Wirst du denn nie erwachsen? Die Verkäuferin kann doch nichts dafür. Willst du nun eine Hose kaufen oder nicht?“
(Warum glauben nur immer alle Menschen, ich werde nie erwachsen? Dieser Frage muss ich unbedingt demnächst einmal nachgehen.)
Ich: „Wer redet denn hier von Hose? Wir verhandeln über einen SALE (Sprich: Saale)!“
(Die Verkäuferin nimmt mir beleidigt den Bügel mit dem SALE aus der Hand, den ich immer noch halte.)
Ich: „Was ist das überhaupt für eine Sprache? SALE (Sprich: Saale!) steht in keinem deutschen Wörterbuch (Noch nicht einmal in der neuesten Ausgabe des Duden!). Ich habe extra nachgesehen, weil mich das schon lange interessiert.“
Verkäuferin: „Äh … Ich glaube das ist deutsch, vielleicht aber auch englisch.“
Ich: „Wieso englisch? Sind wir denn hier auf der Insel?“
Lotte mischt sich ein: „Würdest du, bitte, so freundlich sein, dich zu entscheiden, ob du die Hose anprobieren willst oder nicht. Die Frau hat was anderes zu tun, als sich deine Blödeleien anzuhören.“
(Das saß! Ich liebe Lotte unter anderem ihres Pragmatismus wegen, der gelegentlich vor mir flüchtet.)
Verkäuferin stellt beiläufig fest: „Diese Hose hat eine hervorragende Passform und wird immer wieder gerne getragen.“
(Nunmehr ist es an mir, aus blauen Augen verdutzt zu stutzen, und zwei Fragen drängen sich mir auf, die zu klären ich mich nicht bremsen lasse.)
Ich: „Oh, nun wir der SALE (Sprich: Saale!) zu einer Hose umfunktioniert? Was ist das Teil denn nun wirklich?“
Verkäuferin (geht auf meinen Einwurf gar nicht erst ein, wahrscheinlich, weil sie eingesehen hat, dieses Problem nicht auf die Schnelle lösen zu können): „Es ist die letzte Hose in der Größe, die wir haben, alle anderen sind bereits weg.“
Ich: „Wo sind sie denn hin?“
Lotte (… mich vors Schienbein tretend und mit einem geradezu vernichtenden Blick belegend, der für zu Hause nicht viel Gutes ahnen lässt): „Claus!“
Ich energisch nachfassend: „Wer hat denn diesen SALE schon alles getragen?“
Verkäuferin: „Ich kann Ihnen nicht folgen …“
Ich: „Wohin wollen Sie mir denn folgen? Vielleicht doch mein Arbeitszimmer aufräumen?“
(Die Verkäuferin verweigert wortlos, aber leicht zürnend aus den Augen blitzend ihr Einverständnis, und ich fahre fort, nicht wirklich, sondern im übertragenden Sinne: „Sie sagten soeben, der, die, das SALE (Sprich: Saale!) wird immer wieder gerne getragen. Daraus folgere ich, dass schon mehrere andere vor mir diese Hose … äh SALE (Sprich: Saale!) getragen haben … Darf ich wissen, wer?“
Verkäuferin: „So war das aber nicht gemeint …“
Ich: „Warum sagen Sie denn nicht, was Sie meinen. So entstehen Missverständnisse!“
Lotte: „Was ist nun mit der Hose? Ich meine, du könntest eine neue gebrauchen.“
Ich: „Glaubst du etwa, ich kaufe mir eine Hose, die andere schon vor mir getragen haben? Also weißt du, so arm sind wir nun auch nicht, dass wir uns bei Zweitehandware bedienen müssen.“
Verkäuferin: „So war das wirklich nicht gemeint. In unserem Kaufhaus bekommen Sie keine gebrauchte Ware …“
(In diesem Moment eilt der Geschäftsführer dienstbeflissen dienernd herbei, der die Szene von Weitem schon eine Weile verfolgt hatte.)
Geschäftsführer: „Gibt es Probleme? Kann ich etwas für Sie tun?“
Ich: „Danke, nicht nötig. Ihre Verkäuferin war schon so freundlich, danach zu fragen, und sie erklärte sich bereit, mein Arbeitszimmer aufzuräumen.“
Geschäftsführer: „Bitte was …?“ (Der Geschäftsführer blickt entgeistert in die Runde.)
Lotte (zu gleicher Zeit): „Ich geh jetzt, das höre ich mir nicht länger an. Du kannst mich im Eiscafé abholen, wenn du hier fertig bist, falls du hier jemals fertig wirst und nicht gleich rausgeschmissen wirst.“
(Lotte stiebt verärgert von dannen.)
Ich (an den Geschäftsführer gerichtet): „Ich hatte mich für einen SALE (Sprich: Saale!) interessiert.“
Geschäftsführer: „Ich verstehe nicht so recht …“
Verkäuferin: „Der Herr meinte …“
Ich: „Oh, jetzt können Sie schon Gedanken lesen? So lange kennen wir uns doch noch gar nicht.“
Geschäftsführer: „Mit Verlaub … Ich habe den Eindruck, Sie halten mein Personal von der Arbeit ab.“
Ich (mit gespielter Entrüstung): „Falsch und keineswegs. Ich wollte einen SALE (Sprich: Saale!), Ihre Verkäuferin indes bot mir eine getragene Hose an.“
(Der Geschäftsführer wirft seiner Verkäuferin einen unwirsch fragenden Blick zu, die darob hierarchiegeboten erbleicht und sich, um nicht ohnmächtig zu werden, vorsichtshalber am Ständer mit den SALES festhält, ihrem Chef jedoch eine Antwort verweigert.)
Ich: „Ich glaube, das wird heute nichts mehr mit uns. SALE (Sprich: Saale!) werde ich sowieso aus Prinzip nicht kaufen. Denn ich bin kein Engländer und ein Ami schon gar nicht …“
Und damit lasse ich – frech feixend – den verdatterten Ge-schäftsführer mit der schönsten Verkäuferin, die das Kaufhaus mit K aufzubieten hat, deren Ohren sich inzwischen so rot eingefärbt haben wie ihre Fingernägel und die stotternd dem Geschäftsführer irgendetwas zu erklären versucht, mit ihren SALES zurück. Zufrieden mache ich mich auf den Weg, meine beste Ehefrau abzuholen und mir einen Amarenabecher anstatt eines SALES zu gönnen, denn Eis mag ich zu jeder Tageszeit und kann sicher sein, das vorher noch nicht andere daran gelutscht haben.